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Schultheater und Corona

Handreichung für die Durchführung von Theater-Unterricht im angepassten Schulbetrieb in Corona-Zeiten

in Kursen wie Darstellen/ Gestalten, Darstellendes Spiel (Sek I) oder im Literaturunterricht/ Theater (Sek II)

 

Die Schulmail vom 03.08.2020 gibt bezüglich des Theaterunterrichts keine konkreten Vorgaben. Da der Unterricht aber in vollem Umfang als Präsenzunterricht stattfinden soll, ist auch Theaterunterricht (entsprechend zu Sport- oder Musikunterricht) möglich. Daher möchten wir den Theater-Lehrer*innen hiermit eine an die Hand geben, damit der Unterricht in den o.a. Fächern durchgeführt werden kann. Denn es ist von Seiten des Ministeriums für Schule und Bildung NRW ausdrücklich erwünscht, dass auch die Fächer Darstellendes Spiel/ Darstellen und Gestalten wie auch der Literatur-/ Theater-Unterricht und Theater-AGs im Ganztagsbereich wieder stattfinden.

Wichtig ist, dass man sich bei den Unterrichtsvorhaben gründliche Gedanken bezüglich des Infektionsschutzes macht und das Vorgehen mit der Schulleitung abspricht. Denn gerade der Theaterunterricht beinhaltet durch die starke Gruppenarbeit (und den sich daraus ergebenden unterschiedlichen Gruppenkonstellationen), dem Wechsel von Proben- und Aufführungsphasen, der Verwendung von (lauter) Sprache, Körperkontakt und Bewegung oft unklare Situationen, die in der Vorbereitung eine größere Sorgfalt bedeuten.

 

Zu beachten ist für den Theater-Unterricht Folgendes:

 

1) Zwar heißt es in der Schulmail vom 03.08.2020 zur Wiederaufnahme des angepassten Schulbetriebs in Corona-Zeiten, S. 3, Rückverfolgbarkeit: Der Unterricht soll jahrgangsbezogen in Klassen, Kursen oder festen Lerngruppen stattfinden. Eine jahrgangsübergreifende Gruppenbildung wie beispielsweise AGs oder jahrgangsübergreifende Literaturkurse sind nach den strengen Regeln oben nicht möglich. Aber es heißt eben auch: Ausnahmen bilden bereits jahrgangsgemischt zusammengesetzte reguläre Klassen bzw. Lerngruppen, […] sowie Schulsportgemeinschaften. Dieser Passus ist für Theater- oder Musical-Gruppen übertragbar: Er gilt also auch für Theater-AGs, Musical-AGs und den Ganztagsbetrieb mit einer festen -auch jahrgangsübergreifenden- Teilnehmergruppe.

2) Ist es möglich einen Abstand von 1,5m zu gewährleisten, dann kann auf den Mund-NasenSchutz verzichtet werden. Auch hier sollte man folgende Regelung mit der Schulleitung besprechen: Sofern jedoch das Tragen einer Mund-Nase-Abdeckung mit den pädagogischen Erfordernissen und Zielsetzungen der Unterrichtserteilung und der sonstigen schulischen Arbeit nicht vereinbar ist, kann die Schule vom Tragen einer Mund-Nase-Bedeckung zumindest zeitweise oder für bestimmte Unterrichtseinheiten bzw. in Prüfungssituationen absehen. (S. 2)

3) Beim Sprechen ist auf die erweiterte Reichweite der Aerosole zu achten (siehe Vorgaben für Chöre usw., CoronaSchuVO, S. 6, §8 Absatz 5). Bei lautem Sprechen sollte der Abstand vergrößert werden und gegebenenfalls ein Mund- Nasenschutz verwendet werden Stand: 19.08.2020

4) Entsprechend den Vorgaben für den Sport- oder Musikunterricht ist die Durchführung des Theater-Unterrichts oder der Theater-AG im Freien aus Infektionsschutzgründen sinnvoll. (Schulmail 03.08.20, S. 14/ 15).

5) Auch die Zusammenarbeit mit externen Partnern (z.B. Kultur und Schule-Projekte) ist wieder möglich (ebd, S. 15/ 16.).

 

Für den Unterricht könnten folgende Rituale/ Regeln hilfreich sein:

 

• beim Betreten des Probenraumes eine Möglichkeit zur Handdesinfektion als Ritual einrichten • regelmäßiges Lüften

 

• wenn möglich (und insbesondere, wenn zueinander gesprochen wird) den Mindestabstand von 1,5m einhalten – besser mehr -, keine Kontaktübungen • feste Sitzplätze mit Abstand von 1,5m auch im Kreis und als Zuschauer*innen (hier Abstand zur Bühne: 4m, laut CoronaSchVO, 14.08.- 31.08.2020, S. 6, § 8)

 

• feste Arbeitsbereiche für fest eingeteilte Gruppen, die Arbeitsbereiche in dem Arbeitsraum dafür abkleben

 

• choreographierte Übergänge zwischen den einzelnen Arbeitsformen (Kommt die Gruppe beispielsweise im Zuschauerbereich zusammen, wo die Schüler jeweils einen eigenen Sitzplatz haben und gehen von dieser Position in einen Warm-Up Kreis auf der Bühne, dann erfolgt dieser Übergang auch in einer gewissen Reihenfolge)

 

• bei Gruppenarbeit möglichst feste Gruppen über längere Zeiträume (mehrere Stunden) bilden (Gruppenzugehörigkeiten und Sitzpläne müssen natürlich festgehalten werden)

 

• Verzicht auf besonders körperlich anstrengende Übungen, sowie Übungen, die lautes Sprechen erfordern

 

• Übungen wo möglich mit Mundschutz durchführen, auf jeden Fall muss der Mundschutz getragen werden, wenn die Warm-Up Formation zusammenkommt

 

Übungen für große Gruppen (Raumläufe, Sprechchöre usw.) sind dabei natürlich schwierig. Aber viele Partnerübungen und Übungen in Kleingruppen lassen sich gut auf diese Situationen übertragen. Etwas grob gesprochen kann man dabei zwei Wege gehen:

1) Man versucht dem Problem der Nähe zu entgehen und sucht Übungen, die sowieso auf Nähe verzichten.

2) Man macht die Schwierigkeit zum Thema und hofft, dass aus den Reibungen auch neue und interessante Erfahrungen entstehen. Beide Wege kann man auf der Eben von einzelnen Übungen, als auch im Zusammenhang mit einer Inszenierungsidee verfolgen

 

Vorschläge und Ideen für ein Grundkonzept des Theaterunterrichts/ Theater-AG

 

Wenn Gruppen ein neues Projekt beginnen, dann sollten die Rahmenbedingungen so gewählt werden, dass die obigen Regeln eingehalten werden können. Evtl. kann es auch spannend sein, entsprechende Vorgaben kreativ auch als Verfremdungseffekt zu nutzen, denn die größere Distanz der Spieler*innen und evtl. ein Mund-/Nasenschutz können auch eine interessante theatralische Wirkung entfalten. Wenn Produktionen ohne diese Regeln bereits im letzten Schuljahr begonnen wurden, dann müssen die Szenen im Hinblick auf die Hygieneregeln noch einmal überarbeitet werden. Ob die Regelungen in absehbarer Zeit soweit gelockert werden können, dass wieder ohne Abstand gespielt werden kann, ist im Moment kaum abzuschätzen. Stand: 19.08.2020 Da es ebenfalls vorkommen kann, dass ein Teil des Unterrichts wieder als Distanzunterricht stattfinden muss, sollte man auch für diesen Fall Arbeitsmöglichkeiten in das Konzept einbauen, z.B.:

• Textproduktion und Bearbeitung, Solo-Erarbeitung (z.B. Rollenstudium)

 

• Video zum Einsatz in einer Produktion, z.B. als Ersatz für eine Szene (Dialog aus zwei Videos zusammenschneiden usw.), als atmosphärischer Hintergrund, als Doppelung einer Bühnenhandlung, als Verlegung der Handlung in eine digitale Welt mit Verwendung von Chats/ Videokonferenzen usw., Loops…

 

• Soundscapes, Hörspielelemente, Texte als Hintergrund für eine Bühnenhandlung aufnehmen, u.a.

 

• Hier ergeben sich (bei entsprechender technischer Ausstattung und Improvisationslust) auch interessante Arbeitsansätze zur Verbindung von Live-Spiel und Medieneinsatz.

 

 

Inspiration und Vorschläge für Übungen im Theaterunterricht

 

Raumläufe: Sind einerseits problematisch, weil schnell eine große Nähe entsteht. Andererseits gibt es eine Menge Varianten, die eben mit Abstand arbeiten – z.B. dass alle Teilnehmer*innen wie Magnete sind und sich gegenseitig abstoßen, oder die Aufgabe, dass alle Spieler*innen gleichmäßig im Raum verteilt sind und den Raum in Balance halten müssen. Direkte Wege werden durch die Wege mit dem größten Abstand ersetzt und werden umständlich und kompliziert. Die Metrik der kürzesten Distanz wird sozusagen durch die Metrik der sichersten Wege ersetzt. Interessant zu erforschen, wäre es auch, bei schon geprobten Szenen Bühnengänge auf diese Weise zu überarbeiten und die menschlichen „Hindernisse“ eben zum Thema zu machen. Zu überlegen wäre allerdings, wie man diese Übungen anleitet, damit der Abstand am Anfang immer eher zu groß bleibt – sicherlich ist am Anfang dabei die Verwendung der Maske wichtig, bis die Übungen sicher beherrscht werden. Oder man startet mit sehr wenigen Personen und steigert solange, wie es „sicher“ ist. Weitere Raum-/ Weg-/ Bühnen-Konzeptionen, die den Schutzmaßnahmen gerecht werden, könnten sein: Arbeit auf Inseln, in Schienen, in Handlungsschleifen, Stationentheater oder Collagen in Gruppenarbeit.

 

Tableaus/Standbilder: Wie sieht es aus, wenn Tableaus mit Abstand nachgebaut werden müssen? Beziehungen können durch Standbilder gut veranschaulicht werden. Wenn man mit Abstand arbeitet, dann ist körperliche Nähe nur begrenzt möglich und muss durch Haltungen und Ausdruck kompensiert werden.

 

Welche Möglichkeiten gibt es also in diesem Rahmen Nähe zu erzeugen?

 

Dialoge auf Abstand, Anfassen mit Abstand, Augenkontakt statt Körperkontakt, digital vermittelte Nähe – eine Person unterhält sich mit einer anderen Person, die gefilmt wird (Handykamera an den Beamer anschließen – fertig). Auch eine Folge von Standbildern, die eine Geschichte erzählen, sind möglich, so dass die Übergänge zwischen den Bildern im „Zug um Zug“-Modus gestaltet werden können. Dadurch kann im sicheren Rahmen Abstand gewahrt bleiben.

 

Wie können wir Nähe erzeugen?

 

Kampf um einen Stuhl: Ein Stuhl steht auf der Bühne. Drei Spieler*innen improvisieren eine kleine Szene, bei der sie u.a. die Aufgaben verfolgen, sich auf den Stuhl zu setzten, also auch andere von dem Stuhl zu vertreiben. Dies kann jetzt nicht mehr über Berührungen (vom Stuhl ziehen usw.) versucht werden, sondern muss spielerisch gelöst werden (wie kann man die Person vom Stuhl locken?). Auch hier könnte das „Zug um Zug“-Prinzip zu mehr Ordnung und Sicherheit führen.

 

Ideen zur Thematisierung des aktuellen gesellschaftlichen Zusammenseins:

 

1) Komm mir nicht zu nah

Die Angst vor Nähe, wie kann man Vertrauen aufbauen und zulassen? Welche Methoden haben wir entwickelt, um uns zu schützen? Uns vielleicht auch vor der Welt zu schützen… Oder auch: Komm mir nah…was berührt mich, wenn mich nichts berührt.

2) World Calling

Kontaktaufnahme mit den Fremden – Menschen, die nicht das Haus verlassen können und nach Kontakten suchen. Zeit totschlagen. Verlassen sein. Um Hilfe rufen.

3) Es gibt keine Gesellschaft – oder doch?

„There is no such thing as society“. Margaret Thatcher wird gern mit dem Satz zitiert, so etwas wie eine Gesellschaft gebe es gar nicht, sondern es gebe nur Individuen, deren Familien und Gruppen, die sich um Interessen bildeten (vermutlich um sich mit schwindendem Interesse wieder aufzulösen). Also: Was eint uns? Ich stelle mir eine Leinwand mit vielen Personen vor – wie in einer Videokonferenz. Alle haben eigene Interessen, eigene Wege, wie sie ihre Zeit verbringen, was sie tun. Immer wieder tauchen Personen auch mal live auf der Bühne auf (vielleicht so als würden sie ab und zu ihr Haus verlassen um dann einkaufen zu gehen… Vielleicht reagieren die Personen auf der Leinwand darauf. Wenn gemeinsame Interessen entstehen, werden die Gruppen umsortiert, bis sie sich wieder auflösen. Auch diese Gruppen können auf der Bühne agieren. Gibt es trotzdem gemeinsame Interessen, etwas das aus diesen Individuen eine Gesellschaft macht? Hier ist sowohl ein utopisches, als auch ein dystopisches Ende denkbar.

4) Alles ist anders…

Was ist, wenn unsere Welt nach neuen Regeln funktioniert? Wenn wir Konventionen einfach umdrehen, wenn wir uns nicht mehr auskennen und verloren sind. Wenn wir nach neuen Wegen suchen müssen. Wenn wir in Betten stehen und auf Stühlen liegen. Wenn alles falsch ist, was vorher richtig war. Oder umgekehrt. Vielleicht ist anders ja auch gut, nur neu halt. Vielleicht haben wir Mut, Dinge auf den Kopf zu stellen und dann neu zu betrachten.

 

Aufführungen und Präsentationen

 

Nach den derzeitig gültigen Vorgaben (CoronaSchVO, Fassung vom 14.08.- 31.08.2020, S. 6, §8) scheinen auch Schulaufführungen unter Einhaltung einiger Regeln und dem damit verbundenen Aufwand möglich. Auch hier sind sicherlich Absprachen mit der Schulleitung wichtig. Wir möchten euch aber empfehlen, hinsichtlich der konkreten Planung von Aufführungen innerhalb der nächsten Monate noch zurückhaltend zu sein. Letztendlich können wir hier alle nur entsprechend der jeweils gültigen Verordnung planen. Bleibt also offen für alles, was erlaubt und nicht verboten ist. Es gilt auch hier kreative, vernünftige Lösungen zu finden. Daher möchten wir eure Aufmerksamkeit auch auf rein digital erstellte und übermittelte Präsentationen lenken. Im Laufe des Lockdowns waren diesbezüglich eine Menge Experimente zu sehen.

Stand: 19.08.2020